
GEISTER CHAMÄLEONS
Geister?
Es ist etwas surreal: Man steht nachts am Strand, lässt den Lichtkegel der Taschenlampe über die Büsche wandern – und plötzlich leuchtet es geisterhaft weissgelb aus dem dunklen Busch. Auf einer Strecke von gerade einmal 150 Metern habe ich um 02:00 Uhr in einer Märznacht zehn (!) Chamäleons entdeckt, an Ästchen geklammert, Schwänze sorgfältig eingerollt, schlafend.

Hochgerechnet müssten hier hunderte dieser faszinierenden Reptilien leben. Doch vielleicht hatte ich einfach riesiges Glück, denn diese Chamäleon-Art ist vom Aussterben bedroht. Es sind kleine Populationen, hervorgegangen aus «blinden Passagieren», die wohl bereits in der Antike auf Handelsschiffen mitgereist sind.

nachts «leuchten» sie
Tagsüber habe ich keine Chance, Chamäleons zu entdecken (daher die vielen Schlaf-Fotos ). Sie verschmelzen farblich mit den Blättern, bewegen sich im Zeitlupentempo und – wenn sie einem entdecken – verschwinden sie langsam auf der anderen Seite des Astes. Dem sagt man «Rotationsflucht» – was man auch bei Eichhörnchen erleben kann – nur etwas schneller.
Chamäleons können ihre Hautfarbe bewusst verändern. Doch nachts, wenn sich auch ihr Nervensystem entspannt, färben sie sich automatisch hell-gelb bis weiss. Im Licht der Taschenlampte stechen sie wie kleine Geisterlichter aus dem Gebüsch hervor. Meistens hängen sie ganz aussen an dünnen Zweigspitzen – eine Taktik, um Erschütterungen durch heranschleichende Fressfeinde (z.B. Schlangen oder Katzen) frühzeitig zu spüren.

bedroht
Neben Fressfeinden gibt es für diese Tierchen noch andere Gefahren, z.B. uns Menschen. Die Weibchen graben im Herbst im lockeren Dünensand Eierröhren und legen je nach Alter bis zu 90 Eier ab. Diese Nester sind nur etwa 20 cm unter dem Boden und sind gefährdet durch das Gewicht von mir, als Wanderer, und von über den Strand fahrenden Autos. Auch Hunde sind nicht harmlos, wenn sie die Nester ausbuddeln. Wenn die Brutzeit kurz wäre, wäre das ja nicht so tragisch. Doch es dauert rund 11 Monate, also bis in den nächsten Sommer, bis sich die Jungtiere aus dem Sand befreien.
Auch die Klimaerwärmung könnte der Art direkt schaden: Wie auch bei Schildkröten bestimmt die Temperatur des Geleges das Geschlecht der Jungtiere: je wärmer, desto mehr Weibchen.

Quizfrage:
Wenn man möchte, dass es weniger verwilderte Hunde und Katzen gibt und man nicht alle Tiere erwischt oder genügend Geld hat, um sie zu kastrieren … sollte man eher die Männchen oder die Weibchen kastrieren?
perfekte Couch-Potatoes
Wir haben uns lange überlegt, ob wir überhaupt über diese Chamäleons schreiben sollen, doch …
Am Ende werden wir nur schützen, was wir lieben; wir werden nur lieben, was wir verstehen; und wir werden nur verstehen, was man uns gelehrt hat. — Baba Dioum
Achtung: Chamäleons sind sehr stressanfällig und jede Bewegung kostet Energie. Sie sind die echten Couch-Potatoes und bewegen sich nur, wenn es nötig ist: für Futter, Liebe (und Eiablage) und Flucht. So bleiben sie auch ihrem Revier treu, verteidigen es und schlafen immer am selben Ort.

Das Futter holen sie sich mit ihrer klebrigen Schleuderzunge quasi vom Couch aus, ohne sich wirklich bewegen zu müssen. Über das Liebesleben weiss ich nicht so viel, ausser dass ein Pärchen ein paar Tage zur Paarung zusammen bleibt und sich dann wieder trennt. Die Eiablage muss extrem anstrengend für Couch-Potatoe-Weibchen sein. Und Flucht ist für wechselwarme Tiere immer erschöpfend. Zudem ist ihr Lebensraum hier durch Strassen und Landwirtschaft stark begrenzt. Sie können also nicht ausweichen, sind in diesem Paradies gefangen.
Explorer-Tipp: Mückenschutz nicht vergessen!

Goldene Regeln bei Chamäleon-Begegnungen
>> Abstand halten
Chamäleons sind extrem stressempfindlich. Ein Abstand von 2 bis 3 Metern ist ideal.
>> Keine hektischen Bewegungen
Chamäleons reagieren sensibel auf schnelle Bewegungen.
>> Absolut kein Körperkontakt
Das ist die wichtigste Regel: Fass das Tier niemals an. Das Hochheben wird wie ein Angriff eines Feindes (Greifvogel) wahrgenommen. Zudem sind die Gliedmassen und der Schwanz sind empfindlich. Und: Chamäleons können beissen!
>> Richtig fotografieren
Fotos sind eine tolle Erinnerung, aber bitte ohne das Tier zu bedrängen. Blitz aus: Nutze nur das natürliche Licht. Ein Blitz irritiert die lichtempfindlichen Augen der Reptilien. Kein «Posing»: Setze das Tier nicht auf einen anderen Ast oder eine andere Pflanze, nur damit der Hintergrund schöner aussieht.
Richtige Ausrüstung: Wir haben die Aufnahmen mit einer Profi Nikon Makro Ausrüstung umgesetzt mit der wir nah an das Tier heranzoomen können. Bitte akzeptiere wenn dein Handy nicht genug stark ist für gute Aufnahmen.
Die Ausnahme: Gefahr im Verzug
In dieser Situation solltest du eingreifen: Wenn das Chamäleon mitten auf einer befahrenen Strasse sitzt.
>> Die Rettung
Hebe es vorsichtig (am besten mit einem dicken Ast, auf den es klettern kann) hoch und setze es in Laufrichtung auf der anderen Straßenseite in dichtes Gebüsch. Wichtig: Setze es niemals an einem «schöneren» Ort aus. Chamäleons sind ortstreu; sie woanders hinzubringen, kommt einem Todesurteil gleich.
Was du noch tun kannst
Falls du ein Chamäleon in Griechenland findest, kannst du deine Sichtung einer lokalen Naturschutzorganisationen melden (z.B. Archipelagos). Deine Beobachtungen helfen die Tiere besser zu verstehen und zu schützen.







